Schmerz verstehen

Morbus Raynaud und Selbsterfüllende Prophezeiungen

Ich bin total Kälteempfindlich. Diesen Satz hätte ich vor einem Jahr noch mit meinem Blut unterschrieben. Ich fror, ich fror eigentlich mein Leben lang, was dazu geführt hat, dass ich die Kälte gemieden habe, wie der Teufel das Weihwasser. Als Kind erinnere ich mich noch an Finger, die weiss waren wie die Wand und brannten wie Feuer (das hat sogar einen Namen und heisst Morbus Raynaud) und an marmorierte Oberschenkel, die nicht ordentlich durchblutet waren. Normalerweise werden solche Erscheinungen nicht besser mit dem Alter.

‌‌Erklärt wird diese Erkrankung so: ‌‌"Die Gefäße von Raynaud-Patienten verengen sich bei Kälte zu stark – sie schießen quasi über das Ziel hinaus. Die Folge: Der Blutfluss in die Extremitäten wird drastisch reduziert. Forscher vermuten, dass die Überreaktion der Blutgefäße genetisch bedingt ist.‌‌Eine Behandlung, die das Auftreten der Raynaud-typischen Symptome ein für alle mal stoppt, gibt es bis dato nicht. Die Therapie setzt auf die Vermeidung von Situationen, die die Beschwerden auslösen und die Förderung der allgemeinen Durchblutung:‌‌Darauf achten, unter keinen Umständen zu frieren. Auch an sonnigen Tagen sollten ein Tuch, Handschuhe und warme Socken im Handgepäck stecken.‌‌Starke Temperaturunterschiede vermeiden.

Nun, das kann ich machen und ich werde sehen, dass ich zwar den Symptomen ausweichen kann, denn ich tue ja nichts, was die Symptome auslösen würde. Doch das Problem löse ich damit nicht, nämlich die mangelnde Anpassungsfähigkeit meiner Gefässe. Ich packe mich immer dicker ein und friere immer mehr.

Nach 50 Jahren frieren, kalten Händen und Füssen, Schwierigkeiten mit den Handschuhen beim Langlaufen und Fahrradfahren habe ich mich entschieden einen anderen Weg zu gehen. Nämlich in die Kälte. Morgens nach ein paar tiefen Atemzügen mit grosser Entschlossenheit unter die eiskalte Dusche. Einmal in der Woche raus an den See zum Schwimmen oder baden. Und wenn Schnee im Garten ist, raus, barfüssig und auch mit den Händen in den Schnee. Dort bleibe ich jeweils so lange, bis mir mein Körper sagt raus da. Beim letzten Schwimmen vorgestern lag die Wassertemperatur bei 8 Grad und ja nach 5 Minuten war ich wieder draussen und ja die Zehen und die Finger waren weiss. Die Finger haben sich recht schnell erholt und für die Zehen brauchte mein Körper eine Stunde.  Es ist wichtig im Bad selbst oder unter der Dusche den Atem zu beruhigen. Mir hilft Pfeifen sehr gut und wenn ich dann wieder Luft brauche, dann atme ich tief ein.

Warum mache ich das? Wenn ich feststelle, dass meine Oberschenkelmuskulatur nicht so gut funktioniert, käme ich im Leben nicht auf die Idee zu sagen: "Ach weisst Du, die Muskulatur ist schwach, ich sollte sie nicht so viel belasten." Das Blutgefässsystem wird vom vegetativen Nervensystem gesteuert und was reguliert dann am Ende die Gefässe? Muskeln, ganz kleine Muskulatur reguliert die Enge oder Weiter der Gefässe. Und wie immer im Körper gibt es keine einseitige Information. Das bedeutet wir haben einen Regelkreis, das Gewebe sagt wie die Temperatur und Sauerstoffsättigung ist und das vegetative Nervensystem reagiert, in dem es den Impuls gibt die Muskulatur zu zusammenzuziehen.

Wenn ich meine Füsse also in Eiswasser halte, dann kommt der Reiz "grosse Kälte", was das vegetative Nervensystem als Gefahr ansieht und die Gefässe schliesst, damit nicht zu viel kaltes Blut zurück zum Herzen fliesst und die Körperkerntemperatur zu stark absinkt. Meine Gefässe schiessen übers Ziel hinaus und machen die Gefässe ganz zu, sodass kein Blut mehr in die Zehen oder Finger kommt. Ich glaube heute nicht mehr an eine Genetik, die lebenslang festgeschrieben ist. Ich glaube sehr wohl an eine Tendenz, die von der Genetik gegeben ist, ich habe zum Beispiel von Natur aus mehr oder weniger Muskulatur.

Das heisst aber nicht, dass ich das, was ich habe, nicht entsprechend trainieren oder verbessern könnte. Also fange ich an zu trainieren. Und was genau trainiere ich? Nun ich zeige meinem Körper, dass Kälte keine unmittelbare Bedrohung ist, in dem ich ihn täglich Kälte aussetze, dabei ein fröhliches Lied pfeife und darauf vertraue, dass er darauf reagiert. Und siehe da, ich habe nur noch sehr selten kalte Füsse, ich habe in der kalten Dusche keine weissen Finger oder Zehen mehr. Ich stehe auf der Terrasse im Schnee und anschliessend sind die Füsse nicht weiss, sondern rot und hervorragend durchblutet. Habe ich jetzt meine Genetik verändert? Ich weiss es nicht, sicher ist, ich habe trainiert, bin dabei den Morbus Raynaud zu überwinden und habe dabei viel Spass. Denn es ist zwar eine Überwindung in die Kälte zu gehen, aber beim Rauskommen gibt es einen Energie- und Gute-Laune-Kick.

Und die selbsterfüllende Prophezeiung? Ich habe das schon als Kind gehabt und dann prägt es sich ein. Ich denke daran, mit nackten Füssen in den Schnee zu gehen und mir kommen Erinnerungen von entsetzlich schmerzenden Füssen und Fingern. Wenn ich es nicht besser wüsste, dann würde mich das davon abhalten in die Kälte zu gehen. Doch das ist nicht die Lösung, denn wie soll ein Gefäss, dass niemals in der Kälte ist, lernen, mit der Kälte umzugehen. Und dadurch, dass ich glaube, ich muss mich damit abfinden, wird es auch nicht besser, es bleibt und der Winter wird statt ein spannendes wundervolles Abenteuer zu einem Spiessrutenlauf gegen die Kälte. Eine selbsterfüllende Prophezeiung. Also was auch immer du hast, ob jetzt einen Morbus Raynaud oder etwas ganz anderes. Stelle dir ab und an die Frage: "Wer wäre ich ohne den Gedanken, ich habe XYZ?"

Also nehme ich zwar Rücksicht, in dem ich mich etwas langsamer herantaste an die Kälteexpositionen und meine Gefässe an Händen und Füssen im Auge behalte, sie aber nicht schone vor der Kälte. Das bedeutet ich trage bewusst, keine Neopren-Schuhe oder Handschuhe. Und ja es tut weh, doch es ist gut auszuhalten und ich weiss, es wird mir helfen. Denn auch meine Haut an den Unterschenkeln, Füssen und Händen ist viel besser durchblutet. Nicht nur direkt nach der Kälte, sondern immer. Und das zeigt mir deutlich, dass mein Körper davon profitiert.

Und um dieses Video zu produzieren, habe ich versucht ihn, meinen Morbus Raynaud, zu reproduzieren. Ich bin also mit meinen Füssen ins Eiswasser gestiegen und habe meinen Fuss erwartungsvoll angeschaut. Doch nichts passierte. Es nadelte zwar, es tat weh, aber die Zehen wurden nicht weiss. Dann dachte ich, o.k. mit den Händen geht es sicher besser. Doch auch diese waren nicht bereit meine Finger komplett von der Blutversorgung abzuschneiden und weiss zu werden. Im Gegenteil, beides wurde, als ich sie wieder herausgenommen habe krebsrot und bestens durchblutet. Werde ich also meinen Morbus Raynaud nie wieder sehen? Das hängt davon ab, wenn ich Hände und Füsse längere Zeit nicht der Kälte aussetze, kann es sein, dass es wieder kommt. Das weiss ich nicht. Und wenn ich jetzt komplett in ein Eisbad steigen würde für eine längere Zeit, dann wäre die Belastung sicher zu hoch. Also wie man so sagt, mit Herz und Verstand, also mit Vernunft und in Übereinstimmung mit den eigenen Möglichkeiten sorgfältig seine eigenen Grenzen erweitern. Sowohl im Denken, als auch mit dem Körper.

Heisst das jetzt, man soll Schmerz nicht mehr als Zeichen dafür nehmen, etwas sein zu lassen? Nein, ganz sicher nicht. Es gibt einen Schmerz, den nenne ich Heilungsschmerz. Irgendetwas in mir sagt, es tut zwar weh, aber es tut auch gut. Vielleicht kennst Du verspannte Muskeln, sogenannte Triggerpunkte, oder verkürzte, verfranzte Faszien, beides kann höllisch weh tun. Und wenn ich da reindrücke, dann tut das verflixt weh. Und gleichzeitig ist es ein anderer Schmerz als, wenn etwas kaputtgeht oder einfach ein akutes Krankheitsgeschehen Schmerzen bereitet. Wir dürfen lernen auf die feinen Unterschiede in den Botschaften unseres Körpers zu hören und so mit ihm gemeinsam durch unser Leben zu gehen. Und unser Körper ist weise, er zeigt uns so oft den Weg. Er zeigt uns sogar, wenn etwas für uns nicht stimmig ist, worüber wir gerade hinweg gehen. Doch das wird das Thema des nächsten Blogbeitrags.

Bis dahin wünsche ich euch eine gute Zeit, und wenn ihr Lust habt, dann nutzt die kalten Wintertage.

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Meine Leidenschaft ist Gesundheit, deshalb wurde ich Physiotherapeutin, später Komplementärtherapeutin mit Schwerpunkt Craniosacral Therapie. Ganzheitliche Gesundheit von Körper, Seele und Geist.
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